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Untrennbare Verbindungen – oder die eigenartige Besonderheit von Geschwisterbeziehungen

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Zankereien, Neid und Konkurrenzkampf, aber auch Unterstützung, Gemeinsamkeiten und Bedingungslosigkeit – all diese Worte lassen sich wunderbar mit Geschwisterbeziehungen in Einklang bringen. Das zeigt, welche Besonderheiten in dieser Verbindung stecken. Etwa zwei von drei Kinder in deutschen Familien lebten im Jahr 2019 mit mindestens einem Geschwisterkind zusammen (Quelle), damit wuchsen also insgesamt mehr Kinder mit Geschwistern auf als ohne. Doch warum eigentlich? Wozu brauchen wir Menschen Geschwister? Und finden wir vielleicht sogar ähnliche Geschwisterbeziehungen in der Tierwelt wieder?

Betrachten wir zu Beginn erstmal ein Extrembeispiel: Bienen in einem Volk sind nahezu ausschließlich Schwestern – lediglich die Königin als Mutter und ein paar Drohnen, die sich zur Paarungszeit im Stock aufhalten, durchbrechen dieses Muster. Ist das etwa das Geheimrezept für eine gut funktionierende und zusammenarbeitende Gemeinschaft? Schön wär’s, aber wie sicherlich jedes Geschwisterkind aus eigener Erfahrung berichten kann, bedeutet Blutsverwandtschaft nicht zwangsläufig, dass man miteinander auskommt. Die Bienenkönigin hat ein anderes Mittel, um ihre Töchter friedsam und fleißig zu halten: Einen Botenstoffmix – die sogenannte Königinnensubstanz. Diese Mischung aus chemischen Stoffen verhindert einerseits, dass Arbeiterinnen selbst Eier legen können und andererseits auch, dass diese aus ausbleibendem Erfolg beziehungsweise anderen negativen Erfahrungen lernen und Aggressionen gegeneinander oder sogar gegen die Königin entwickeln. Ganz schön clever, aber nicht unbedingt übertragbar auf menschliche Geschwisterbeziehungen.

Doch gerade für das bedingungslose altruistische Miteinander, das in unserer Gesellschaft häufig von Geschwistern erwartet wird, stehen Bienen sinnbildlich wie kaum eine andere Tierart. Altruismus im Tierreich ist zwar ein stark beforschter Bereich, aber trotzdem scheinbar noch ein Schloss mit sieben Siegeln. Denn über die Motivationen von selbstlosem Verhalten bei Tieren können Menschen nur mutmaßen. Eine dieser Vermutungen ist, dass Tiere, wenn sie sich altruistisch verhalten, im Grunde genommen indirekt egoistisch sind. Klingt zunächst verwirrend – ist es aber gar nicht, wenn man sich ein klein wenig mit Evolutions- und Selektionstheorien auseinandersetzt. Der wahrscheinlich bedeutendste Evolutionsbiologe Charles Darwin legte bereits im Jahr 1859 in seinem Buch „On the Origin of the Species“ mit seinen Überlegungen zur „fitness“ den Grundstein für die später entwickelte Theorie der Verwandtenselektion (auch kin selection). Nach Darwin misst sich die „fitness“ eines Tieres daran, wie viele eigenen Gene es im Laufe seines Lebens weitergeben kann. Dabei zählen sowohl direkt an eigene Nachkommen – also Kinder – weitergegebene Gene (direkte Fitness) als auch Gene, die über Verwandte in die nächste Generation gebracht werden, da diese aufgrund der Vererbungsregeln durch die Verwandtschaft zu einem gewissen Anteil dieselben Gene besitzen wie das andere Tier selbst (indirekte Fitness). Somit erhöhen Tiere, die ihren nahen Verwandten, also Geschwistern oder Eltern, helfen, ihren Nachwuchs großzuziehen, indirekt ihre eigene Fitness.

Tierische Babysitter und Ersatzeltern

Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe an Tieren, bei denen ältere Geschwister ihre Eltern bei der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister unterstützen. Vor allem bei Affen findet sich ein solches Verhalten wieder, aber auch Erdmännchengeschwister kümmern sich umeinander. Ältere Bonobogeschwister übernehmen sogar die Elternrolle für ihre jüngeren Geschwister, wenn das Muttertier stirbt. Nun könnte man meinen, Tiere seien in dieser Angelegenheit einfach die besseren Menschen und eher in der Lage, sich ihren Verwandten gegenüber selbstlos zu verhalten. Doch sollte an dieser Stelle auch nicht außer Betracht geraten, dass die meisten Tiere ihre gesamte Kindheit über die ungeteilte mütterliche oder elterliche Aufmerksamkeit genießen. Sowohl Bonobos als auch Rhesusaffen können erst wieder neuen Nachwuchs zeugen, wenn das vorherige Kind „unabhängig“ beziehungsweise biologisch erwachsen ist. An diesem Punkt kommen wir zurück zur Selektionstheorie. Geschlechtsreifen und ausgewachsenen Jungtieren stehen zwei Wege offen: Die Geburtsgruppe verlassen und eine neue Gruppe suchen oder eine eigene Gruppe gründen oder in der Geburtsgruppe bleiben. Die Entscheidung wird letztendlich danach getroffen, wie hoch der mögliche Fortpflanzungserfolg für ein Jungtier ist. Sind die Umweltbedingungen günstig, ist der mögliche Fortpflanzungserfolg hoch. Sind sie eher schlecht, ist der mögliche Erfolg dementsprechend niedrig. Das heißt bei günstigen Umweltbedingungen wird ein Tier eher die Gruppe verlassen und sich nicht in den Dienst seiner Familie stellen. Hinzukommend werden diese Jungtiere meist auch aus den Gruppen vertrieben, damit sie keine Konkurrenz für etablierte Tiere darstellen. Viele Tiere lernen also ihre Geschwister im Laufe ihres Lebens gar nicht oder nur kurz kennen. Bedeutet das also gute Geschwisterbeziehungen sind nur etwas für „Schwächlinge“?

Geschwister als Vorbereitung auf den Ernst des Lebens

Zu diesem Schluss könnte man berechtigterweise kommen, wenn man an die vielen tierischen Einzelkinder wie eben Affenbabys, Elefanten oder aber auch Delfine denkt. Daneben gibt es allerdings zahlreiche Tiere, die oftmals nicht wenige gleichaltrige Geschwister haben – Wölfe zum Beispiel. Seite an Seite wachsen die Welpen auf und lernen dabei nicht nur durch ihre Mutter, sondern vor allem auch im Spiel miteinander. Forscher*innen gehen davon aus, dass Tiere, vor allem solche, die in größeren Würfen zur Welt kommen, ein Leben lang eine „besondere Beziehung“ zu ihren Geschwistern haben, in der beispielsweise Spiele untereinander härter sind als Spiele mit anderen Tieren. Was diese andersartige Beziehung bringt, lässt sich wieder einmal nur vermuten. Doch neben der Lebensschule könnte es natürlich auch darum gehen, Inzest und damit eine verminderte genetische Vielfalt in Populationen zu verhindern.

Auch auf den Menschen bezogen ist häufig von der „besonderen Geschwisterbeziehung“ die Rede. Nina Brück beispielsweise betrachtet Geschwisterbeziehungen als „Entwicklungskontext[] für Moral“ (Brück 2019: 87), die sich insofern von Freundschaften unterscheiden, als dass Geschwisterbeziehungen nicht beendet werden können, wodurch der Spielraum beim Austesten von Grenzen in der Auseinandersetzung mit Regeln weitaus größer ist. Des Weiteren förderten Geschwister das Erlernen einer Sensitivität für Bedürfnisse und Gefühle anderer, das Erkennen von Absichten hinter Handlungen sowie das Hineinversetzen in andere. Somit dient nicht nur das Raufen und Spielen der Tiergeschwister als Lebensschule, sondern auch das Streiten und Zanken unter Menschengeschwistern.

Und jetzt?

Haben wir jetzt eine befriedigende Antwort auf die Eingangsfrage gefunden? Ich glaube eher nicht, aber mehr gibt dieser nüchterne Übertrag auf die Tierwelt dieses Mal tatsächlich nicht her. Dass in Geschwisterbeziehungen einiges mehr als Fürsorge, geteilte Gene und praktische Lebensschule steckt, wissen wir sicherlich alle. Und doch ist es vielleicht in manchen Momenten auch mal ganz hilfreich, einen Schritt zurückzumachen, die Emotionen zur Seite zu legen und sich nüchtern vor Augen zu führen, was im Endeffekt auch „nur“ in Geschwisterbeziehungen stecken kann. Doch am Ende bleibt es dabei: „Geschwister sind wie Indianer: Entweder sie sind auf dem Kriegspfad oder sie rauchen eine Friedenspfeife.“ (Kurt Tucholsky) Und das ist auch gut so!

Quelle:

Brück, Nina (2019): Geschwisterbeziehungen und Freundschaften als Entwicklungskontexte für Moral I: Allgemeine Aspekte. In: Geschwisterbeziehungen und Freundschaften. Wiesbaden: Springer VS. S. 87-99.

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