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Kommunikation als Lebensgrundlage

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Menschen sprechen, Wale singen, Bienen tanzen. Die Natur zeigt uns zahlreiche Wege zur Kommunikation. Dabei beherrschen nahezu alle Lebewesen bestimmte Fähigkeiten, um Informationen zu vermitteln – ganz egal ob innerartlich oder über die Artgrenzen hinaus. Man kann also durchaus davon sprechen, dass ein Leben ohne Kommunikation beinahe undenkbar ist. Doch wie sieht diese Kommunikation jeweils aus? Und warum ist sie, nicht nur für uns Menschen, so immens wichtig?

Kommunikation – was ist das eigentlich?

Obwohl diese Frage mehr oder weniger einfach daherkommt, ist sie gar nicht so einfach zu beantworten. Intuitiv haben wir wohl alle eine ähnliche Definition vor Augen, die derjenigen aus dem Duden gleicht: Kommunikation ist die „Verständigung untereinander“ beziehungsweise „zwischenmenschlicher Verkehr besonders mithilfe von Sprache und Zeichen“. Soweit so gut, doch bringen diese zwei Formen der Definition Probleme und neue Fragen mit sich. Was bedeutet eigentlich „Verständigung“? Und wenn Kommunikation auf zwischenmenschlichen Verkehr beschränkt ist, wie sind dann die anfangs erwähnte Walgesänge und Bienentänze einzuordnen? Ist das etwa keine Kommunikation? – Das Wichtigste vorab, der Duden definiert natürlich aus für den Menschen praktischer Sicht und erfasst damit nur einen Bruchteil dessen, was alles, je nach Betrachtungsweise und Enge und Weite der Begriffsdefinition, unter Kommunikation aufzufassen ist.

Eine sehr weite Definition und damit einen Eindruck davon, was Kommunikation sein kann, liefert das mathematische Sender-Empfänger-Modell von Claude E. Shannon und Warren Weaver. Es besteht aus wenigen intuitiv erfassbaren Komponenten und ist daher ohne eingehendere Beschäftigung sehr leicht zu verstehen: Ein Kommunikationsprozess findet dann statt, wenn ein*e Sender*in eine verschlüsselte Information über einen Kanal an eine*n Empfänger*in übermittelt. Der Prozess ist genau dann erfolgreich, wenn die gesendete Nachricht mit der empfangenen Nachricht übereinstimmt. Shannon und Weaver berücksichtigen dabei auch, dass es zu Störungen kommen kann, die eine erfolgreiche Kommunikation verhindern. Mehr beinhaltet dieses Modell nicht. Es erfasst somit sowohl Nachrichtenübertragung zwischen Maschinen, Mensch-Maschine-Kommunikation als auch zwischenmenschlichen und tierischen Informationsaustausch. Genau aus diesem Grund lege ich diesem gesamten Text auch diese stark vereinfachte Auffassung von Kommunikation zugrunde, obwohl sie vor allem der menschlichen Kommunikation durch das Nicht-Beachten von Feedbackmechanismen und der Komplexität von Sprechhandlungen nicht ansatzweise gerecht wird. Darauf werde ich aber zu einem späteren Zeitpunkt nochmals genauer eingehen. Um auf den Vergleich zwischen tierischer und menschlicher Kommunikation zurück zu kommen, reicht es an dieser Stelle vollkommen aus, Kommunikation als den „Austausch oder die Übertragung von Informationen“ zu verstehen.

Sender-Empfänger-Modell nach Shannon/Weaver

Farben, Düfte und Körpersprache – Tierische Kommunikation ohne Laute

Obwohl die meisten Tiere in der Lage sind, irgendwelche Laute zu produzieren, spielt vor allem in der außerartlichen Kommunikation, aber auch bei der Kommunikation mit Weggefährt*innen die stumme Vermittlung von Informationen eine große Rolle. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist sicherlich das Markieren von Territorien mittels individueller Duftstoffe wie es beispielsweise Wölfe oder auch Hunde tun. Das dient vor allem dazu anderen Artgenoss*innen zu signalisieren, dass sie in fremdes Gebiet eindringen und sich ab jetzt dem*der Gebietsinhaber*in unterwerfen müssen beziehungsweise bei einem Aufeinandertreffen mit einem Kampf um das Territorium rechnen müssen. Auch dienen Duftstoffe dazu, sich untereinander zu erkennen, so finden beispielsweise zahlreiche Jungtiere wie Lämmer oder Zebras ihre Mütter nur dank deren eigenen Geruchs in der Herde. Das bekannteste Tier, das über Duftstoffe kommuniziert ist wohl das Stinktier. Hier dient allerdings der Gestank nicht mehr der Warnung, sondern ist bereits das letzte Mittel, einem*einer Angreifer*in zu signalisieren: „Bis hierhin und nicht weiter!“

Sowieso spielt außerartliche Kommunikation vor allem zur Warnung oder, und das ist vielleicht eine der genialsten Methoden im gesamten Tierreich, zum Schutz eine Rolle. Dabei hat sich die Kommunikation über Farben etabliert. Schrille, auffallende Tiere sind in der Regel giftig und warnen somit ihre Fressfeinde vor einem möglicherweise tödlichen Angriff. Ein bekannter Vertreter, der diese Strategie anwendet, ist der hochgiftige Baumsteigerfrosch, umgangssprachlich besser bekannt als Pfeilgiftfrosch oder aber auch Bienen und Wespen. Dass viele potentielle Fressfeinde dadurch lernen, sich vor Tieren mit bestimmten Färbungen fernzuhalten, nutzen wiederum einige harmlosere Tiere aus, die diese Färbungen imitieren und somit die gleiche Botschaft wie ihre giftigen Vorbilder vermitteln. Diese Art der Tarnung nennt sich Mimikry.

Einer der am besten durch den Menschen entschlüsselten Bereiche der tierischen Kommunikation ist die tierische Körpersprache. Kein Wunder, denn vor allem für Haus- und Nutztierbesitzer*innen ist es ungemein wichtig, zu verstehen, wie es dem eigenen Tier geht. Da Laute und „Sprache“ nicht übersetzbar und somit für das Gegenüber verständlich sind, konzentriert sich der Mensch also auf sichtbare Kommunikationsversuche und interpretiert diese. Bekannte Beispiele hierfür sind das freudige Schwanzwedeln eines Hundes, die buckelige Drohgebärde einer Katze oder aber das ängstliche Anlegen der Ohren bei Pferden oder Kaninchen. Auch innerartlich kommen der direkten Kommunikation mittels Körpersprache einige wichtige Funktionen zu. Darunter das Anlocken potentieller Partner*innen wie beispielsweise beim Radschlag des Pfaus, das Anerkennen ranghöherer Tiere bei den Wölfen oder das Auffordern zum Spielen bei Hunden. Gemeinsam mit der Lautsprache ist das Verständnis der Körpersprache und die Fähigkeit zur Entschlüsselung der dadurch gesendeten Botschaften eines der wichtigsten Dinge, die Jungtiere beim Aufwachsen erlernen müssen und normalerweise auch durch Ausprobieren und Erfahrung lernen.  

Mimik, Gestik und Körpersprache beim Menschen

Was die „indirekte“ Kommunikation angeht, stehen wir den Tieren in Einigem nach. Der Mensch ist in der Regel darauf angewiesen in direktem Sozialkontakt zu stehen und nicht über die Entfernung Hinweise zu geben. Evolutionsbedingt haben es Menschen nicht nötig, „primitive“ Methoden zur Feindabwehr, Territorienmarkierung oder Partnersuche anzuwenden, weil sie erstens „intelligenter“ als viele andere Lebewesen sind und zweitens, sich deshalb von vielen natürlichen Drücken und Zwängen befreit haben. Insofern ist unsere Kommunikation keine einheitliche, artspezifische Strategie mehr zur Sicherung des Überlebens, wenngleich sie dabei immer noch eine große Rolle spielt, sondern ein breites Spektrum an Möglichkeiten, aus dem einzelne Individuen auswählen und dadurch einen Teil ihrer Identität kreieren.  Farben oder Äußerlichkeiten sind in einer sprachbasierten Welt deshalb keine Notwendigkeiten zur Kommunikation, sondern ein Wahlmittel, das die Individualität eines einzelnen Charakters hervorhebt. Kaum verwunderlich also, dass Statements, die beispielsweise über den Kleidungsstil gesetzt werden, mit Vergleichen aus der Tierwelt wie „Paradiesvogel“, „bunter Vogel“ oder „graue Maus“ umschrieben werden.

Etwas anders sieht es da bei der Kommunikation über Duftstoffe aus. So oft der Mensch sich auch gerne von naturgegebenen Umständen befreit, ist er doch Teil dieser tierischen Welt, in der nicht alles bewusst gesteuert wird. Tatsächlich scheidet der Mensch Duftstoffe zur Anwerbung von Partner*innen aus. Allerdings muss man dazu heutzutage anmerken, dass sie nicht mehr unbedingt den ganz großen Einfluss auf die Partner*innenwahl haben, da Menschen zahlreiche synthetische Duftstoffe wie Parfums oder Deos zur Veränderung und Überdeckung des eigenen Geruchs verwenden.

Eine weitaus größere Rolle spielen allerdings Körpersprache, Gestik und Mimik in der direkten menschlichen Kommunikation. Neben beabsichtigten oder unabsichtlichen Hinweisen auf den wahren Gemütszustand lässt sich durch Körpersprache vor allem überzeugen. Eine selbstbewusste Körpersprache verstärkt in den meisten Fällen ausgesprochene Argumente, auch wenn sie schlecht sind, während Signale für Nervosität und Unsicherheit genau das Gegenteil bewirken und gute Argumente weniger überzeugend machen. Komplettiert wird die Körpersprache durch absichtliche und unterstützende Gestik sowie adäquate Mimik. Eben diese beiden Kommunikationsmittel sind beinahe ausschließlich dem Menschen sowie in Ansätzen seinen engsten lebenden Verwandten, den Menschenaffen, vorbehalten. Einzig Belugawale sind als Vertreter*innen einer anderen Ordnung in der Lage, ihre Mimik zu verändern. Das heißt in ihrem Fall, sie können die Mundwinkel nach oben und unten ziehen, über ihre Stimmung sagt das allerdings im Gegensatz zum Menschen nichts aus.

Eine laute Welt – Sprache als Hauptkommunikationsmittel

Nicht nur beim Menschen, sondern auch bei vielen Tieren spielt vor allem die Kommunikation über Laute, das heißt über Sprache, eine tragende Rolle. Dabei sind für uns Menschen zahlreiche Kommunikationen belauschbar. Vogelgesänge zum Beispiel begleiten uns fast das ganze Jahr über und wer genau zuhört, kann nicht nur die Unterschiede zwischen einzelnen Arten heraushören, sondern auch innerartliche Unterschiede erkennen. Lerchen, die bekannt sind für ihren schönen Gesang, ahmen beispielsweise Geräusche aus ihrer Umgebung, unter anderem auch andere Vogelgesänge, nach und entwickeln somit über die Dauer ihres Lebens einen ganz individuellen Gesang. Die Frage danach, wie Vögel ihren artspezifischen Gesang erlernen und somit attraktiv für Weibchen werden, ist noch etwas ungeklärt. Man tendiert aber momentan dazu, dass der Gesang teils genetisch angelegt ist und teils in jungen Jahren erlernt wird.

Die wirklich interessanten Unterhaltungen aber bleiben für uns Menschen nicht nur verschlüsselt, sondern sehr häufig auch überhaupt nicht wahrnehmbar. Walgesänge beispielsweise spielen sich zu einem sehr großen Teil in Frequenzbereichen ab, die für das menschliche Ohr nicht verwertbar sind. Wären wir allerdings in der Lage dazu, dann wäre unsere Umgebungswelt nochmals um einiges lauter, denn die Gesänge der Buckelwale lassen sich auch auf Distanzen von einigen hunderten bis zu tausenden Kilometern noch wahrnehmen. Bis heute ist unklar, ob Walgesänge ausschließlich praktischen Zwecken wie der Koordinierung der Jagd oder Partner*innensuche dienen oder ob sich, vor allem die geselligeren Vertreter*innen wie Delfine, zum Spaß unterhalten und so etwas wie eine Kultur entwickeln.

Damit sind wir auch schon beim Menschen angelangt, für den die Sprache definitiv ein Teil der Kultur ist. Der Großteil der Sprache dient nicht der Überlebenssicherung, sondern der sozialen Bindung. Vergleichbares ist in der Tierwelt bisher nicht wirklich erforscht, da das Verstehen der tierischen Sprache allgemein problematisch ist. Was uns wieder zurück zu unserem Kommunikationsmodell vom Anfang führt. In der Theorie können Menschen und Tiere zwar versuchen miteinander zu kommunizieren und sie tun es in der Praxis auch. Dennoch ist eine erfolgreiche Kommunikation weitestgehend ausgeschlossen, da der*die jeweilige Sender*in mindestens einen anderen Code zur Verschlüsselung der Information benutzt als der*die Empfänger*in zur Entschlüsselung zur Verfügung stehen hat und in einigen Fällen sogar zusätzlich noch ein anderer Kanal zur Übermittlung des Signals verwendet wird. Das Kanalproblem lässt sich mittlerweile technisch weitestgehend lösen, das Entschlüsselungsproblem nur schwer und selbst, wenn der Mensch das Gefühl hat, eine tierische Sprache entschlüsseln zu können, bleibt die Unsicherheit darüber, ob die Entschlüsselung der intendierten Botschaft entspricht.

Menschlicher Austausch als höchste Stufe der Kommunikation

Missverständnisse sind allerdings, zumindest beim Menschen, auch bei der innerartlichen Kommunikation nicht ausgeschlossen. Wie anfangs schon erwähnt, ist das mathematische Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver aus diesem Grund nicht unbedingt geeignet für die Darstellung menschlicher Kommunikation. Interessanter finde ich daher das „Kommunikationsquadrat“ von Friedemann Schulz von Thun. Demnach hat eine Nachricht nicht nur eine, sondern gleich vier Ebenen, welche bei einer Kommunikation zeitgleich vermittelt werden.

Die Sachebene entspricht dem Ausdruck der Information im mathematischen Kommunikationsmodell. Es ist ganz einfach der beschriebene Inhalt, also die Vermittlung von Daten, Fakten und Sachverhalten. Kurz: die Antwort auf die Frage „Worüber informiere ich?“. Eine weitere Ebene der Nachricht ist die Selbstkundgabe, also all das, was ein*e Sprecher*in ohne es explizit zu kommunizieren, geschweige denn es zu intendieren, über sich selbst offenbart. Die dritte Ebene spielt bereits auf die Zweiseitigkeit der Kommunikation an und nennt sich Beziehungsebene. Darunter fallen alle Inhalte einer Nachricht, die etwas über die Beziehung der Sprechenden zueinander (in diesem Moment) aussagen. Zu guter Letzt enthält jede Nachricht einen offenen oder verdeckten Appell, der den*die Empfänger*in zu einer Handlung beeinflussen soll. Konkret lässt sich dieses Kommunikationsmodell an einem Beispiel verdeutlichen:

Mit diesem Modell lassen sich letztendlich auch misslungene Kommunikationen erklären, bei deren technischer Vermittlung keine Störungen aufgetreten sind:

Eine derartige Komplexität der Kommunikation ist, wie bereits mehrfach erwähnt, im Tierreich nicht bekannt und wäre, meiner persönlichen Auffassung nach, auch etwas unpraktisch. Denn Kommunikation, die das Funktionieren überlebensnotwendiger oder arterhaltender kollektiver Verhaltensweisen sichert, sollte möglichst reibungslos und eindeutig vonstattengehen. Insofern ist die menschliche Kommunikation zwar in ihrer Komplexität und Vielfalt der tierischen Kommunikation meilenweit voraus, ob sie ihr damit allerdings überlegen ist, wage ich, zumindest aus praktischer Sicht anzuzweifeln, weshalb bereits der alltägliche Kommunikationsprozess ein Abbild der menschlichen Entkoppelung von der Natur ist. Und um meinen in dieser Kommunikationsform verborgenen Appell deutlich zu machen: Wir sollten uns bereits bei den einfachen Dingen klarmachen, welch großes Privileg dahintersteckt und mit Demut, aber staunend auf den Menschen blicken!

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