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Vergleichbarkeit von Menschen und Tieren – ein Appell

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Vergleiche von menschlichem und tierischem Verhalten sind so alltäglich, dass man sie kaum mehr hinterfragt. „Flink wie ein Wiesel“, „Stark wie ein Bär“ oder „schlauer Fuchs“ sind so geläufig, dass man sie ohne jegliche Bedenken in nahezu jedem Gespräch anbringen kann. Doch finden sich, auch aufgrund der emotionalen Nähe zwischen Tieren und Menschen, häufig naturalistische Argumente – vor allem aus der Evolutionsbiologie – in gesellschaftlichen Diskussionen wieder. Das kann gefährlich werden und zu einer verzerrten Weltanschauung führen. Mir ist bewusst, dass sich mein Blog von Grund auf an dieser Grenze bewegt, deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen meine Einstellung und Motivation an dieser Stelle offenzulegen, um zukünftigen Missverständnissen vorzubeugen.

Wer schon mal versucht hat, eine*n rassistische*n, sexistische*n oder homo-/transphobe*n Widersacher*in zu überzeugen, dem ist sicherlich schon mal eine der folgenden Aussagen untergekommen:

  • In der Natur gibt es auch nur zwei Geschlechter!
  • Homosexualität ist unnatürlich, weil es keinen Nutzen hat!
  • Tiere werden in Rassen eingeteilt, dann ist das beim Menschen auch in Ordnung!
  • Männliche Tiere verhalten sich anders als weibliche, das ist naturgegeben!

Unabhängig davon, ob diese Sätze inhaltlich richtig sind, müssen sie per se und rigoros abgelehnt werden. Denn, was bei dieser Argumentation geschieht, ist, dass tierisches und menschliches Verhalten auf einer Ebene unter denselben Grundvoraussetzungen betrachtet wird. Das ist schlicht und ergreifend falsch! Trotzdem liegen solche naturalistischen Fehlschlüsse häufig sehr nahe, weil die Nähe zwischen Menschen und Tiere sehr groß ist. Tiere werden gerne „vermenschlicht“ und das ist an sich auch nichts Schlimmes, solange man sich dessen bewusst ist, dass tierisches Verhalten ausschließlich unter einer menschlichen Perspektive wahrgenommen, beschrieben und interpretiert werden kann. Es spiegelt gerade deshalb so häufig menschliche Einstellungen und „Normen“ wider. Was der Mensch in tierisches Verhalten hineininterpretiert und wie er es erklärt, kann zwar aus seiner Sicht betrachtet plausibel sein und daher objektiv wirken, naturgegeben ist diese Erklärung und Interpretation aber nicht! Jeglichen Argumentationen in diese Richtung fehlt daher die Basis.

Zusätzlich muss der Mensch generell, aber besonders beim Vergleich mit anderen Lebewesen, höchstselbstkritisch vorgehen. Ist das der Fall, so wird schnell klar, dass eine Gleichstellung mit jeglicher Tierart, sei es der nahverwandte Schimpanse oder der weitentfernte Süßwasserpolyp, unangebracht ist. Denn die Grundvoraussetzungen der Wesen als auch der Lebensräume sind verschieden. Tiere befinden sich in einem täglichen Überlebensspiel, in dem instinktives Verhalten unverzichtbar ist. Der Mensch hingegen bewegt sich eher in einem „Überzeugungsspiel“ (ich zitiere an dieser Stelle mal meinen Sozialforschungsdozenten), in dem reflektiertes und bewusstes Handeln Vorteile bringt. Er ist weder darauf angewiesen, gegen die Natur und andere Lebewesen anzukämpfen, noch darauf, seine Gene auf Biegen und Brechen in die nächste Generation zu bringen. Die so bekannt gewordenen Selektionsdrücke mitsamt der darwinschen „survival of the fittest“-Aussage sowie Dawkins „selfish gene“ funktionieren beim Menschen auf der derzeitigen Entwicklungsstufe nicht mehr. Er ist schon längst der „natürlichen“ Evolution entwachsen und, je länger der Homo sapiens sich auf dieser Welt bewegt, mehr und mehr ein Produkt seiner kulturellen Evolution. Wer diesen Argumentationsschritt nicht einsieht, der*die kann getrost weiter mit Darwin, Lamarck und all den anderen, auch nicht gänzlich unumstrittenen Evolutionsbiolog*innen vergangener Tage argumentieren, doch dann soll er*sie doch auch bitte nicht mehr auf eine Unterscheidung zwischen Tier- und Humanmedizin pochen, Tiere im Zoo betrachten oder moderne Maschinen benutzen – immerhin sind das alles Errungenschaften der kulturellen Evolution!

Damit ist meine Grundhaltung hoffentlich klar und ich komme zu meiner persönlichen Motivation dennoch Tiere und Menschen so eng miteinander verknüpft und ja, auch durchaus vergleichend und auf ähnlichen Ebenen betrachtend zu behandeln. Wenn ich das tue, habe ich all das oben genannte im Hinterkopf und nutze meine Vergleiche vor allem dazu, mir selbst vor Augen zu führen, wie privilegiert Menschen doch gerade aufgrund ihrer anderen, von den restlichen Lebewesen entkoppelten Entwicklung sind. Zudem steckt für mich in dieser Welt der Instinkte und daher vermeintlichen Einfachheit etwas Kraftspendendes, das man als Mensch in der heutigen Welt durchaus gebrauchen kann. Es lohnt sich daher für mich, nach Tiervergleichen zu suchen und in ihnen, natürlich nur durch meine menschliche Brille betrachtete Eigenschaften zu finden, die irgendwie auf die menschliche Welt passen. Auch kann ein Blick in die Tierwelt, Offenheit und Menschlichkeit fördern, sofern man mit den richtigen Grundlagen an die Themen, die behandelt werden sollen, herangeht. Es steckt schließlich viel Potential in solch bildlichen und emotionalen Vergleichen. Daher habe ich eine Devise und möchte sie an dieser Stelle sogar zum Appell machen: Macht Tiervergleiche, für euch oder um eure Standpunkte zu unterstützen, aber bleibt dabei erstens WAHRHEITsgetreu, zweitens selbstreflexiv und selbstKRITISCH, drittens DEMÜTIG und viertens absolut KONSEQUENT!

Ganz zum Abschluss möchte ich noch auf einen tollen Artikel hinweisen, der mir nochmals sehr geholfen hat, meinen Standpunkt zu diesem Thema zu spezifizieren. Leider ist er nicht kostenlos verfügbar, aber zumindest allen Student*innen, die über ihre Unis vielleicht auf mehr wissenschaftliche Quellen zugreifen können, kann ich diese Seiten nur empfehlen:

Ebeling, Smilla/Schmitz, Sigrid/Bauer, Robin (2006): Tierisch menschlich. Ein un/geliebter Dualismus und seine Wirkungen. In: Schmitz, Sigrid (Hg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Einführung in ein komplexes Wechselspiel, Wiesbaden: VS Verlag, S. 347-362. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90091-9   

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